Brief des Jägers
"Weißt du, Lissa, mein Vater hat mich immer getadelt. Er meinte immer: 'Ivar, du hast eine zu lockere Zunge.' Ich habe nie auf ihn gehört. Erinnerst du dich noch an den Tag der Paarfindung? Der Sohn des Dorfvorstehers ist zu dir gekommen, hat dir diese schönen Stiefel geschenkt, die nur Damen aus der Stadt tragen. Und seine Diener haben dir ein Fass mit Honig und eine Kiste mit Würsten gebracht. Dann kam Mengar der Schmied, hat dir einen verzierten Türrahmen geschenkt, meisterlich gefertigte Schlösser und ganze Berge anderer Haushaltswaren ... und sagte, er würde ein Haus für euch zwei schmücken. Ich kam spät am Abend, nachdem alle gegangen waren, und brachte dir nur einen Strauß Wildblumen. Ich legte sie auf die Veranda und sagte: 'Ich habe im Wald eine weinende Nixe gesehen. Sie wollte aus meinem Herzen eine Laterne machen, musste aber feststellen, dass mein Herz schon vergeben war! Es bringt Pech, Nixen zum Weinen zu bringen, deshalb ... Lady Lissa, willst du in den Wald gehen und das Herz, das du erobert hast, jemandem geben, der es vielleicht dringender braucht?' Du sagtest, ich sei ein solcher Narr, und dann hast du mich geküsst. Zu unserer Hochzeit hast du deine Verwandten eingeladen, die alte Müllerswitwe und den dummen Fischer Aysel. Vermutlich aus Mitleid, weil sonst niemand mit ihm Zeit verbringen wollte. Ich lud die Frösche, den Wind und den Vollmond ein. 'Bruder Mond', sagte ich, 'bitte sei so gütig und teile dein Licht mit allen, denn meine Braut ermüdet es, diese Welt allein strahlen zu lassen.' Die Frösche sangen mit Aysel, und du warst schöner als der Mond und fröhlicher als der Frühlingswind. Arry war fast fünf und Mika gerade vier geworden. Ich hatte gerade einen Monat lang Fische zur Klippe geschleppt und eine Wyvern verflucht, die sich einfach nicht anlocken lassen wollte. Als ich die Wyvern endlich anlockte, verfolgte ich sie durch die Büsche und sammelte die silbernen Schuppen ein, die sie verlor. Es wäre einfacher gewesen, unseren Garten mit diesen Schuppen zu verzieren, wenn ich es nicht nachts getan hätte. Dann kam der Morgen und unsere Kinder standen stumm und mit weit offenen Mündern da ... Hunderte von silbernen Lichtern funkelten auf Apfel- und Kirschbäumen. Ich verbarg meine zerkratzen Hände in meinen Ärmeln und schnaubte. 'Das ist nichts Besonderes. Habt ihr noch nie gesehen, wie sich die Sterne in den Bäumen vor der listigen Himmelskatze verstecken? Du sahst mich stumm an, aber ich konnte trotzdem deine Worte in meinem Kopf hören. 'Du bist ein solcher Narr, Ivar. Ich liebe dich.' ... Ich weiß nicht mehr, wie ich auf die Geschichte mit dem Silberdrachen kam. Ich kam spät nach Hause, mit einem Birkhuhn, das ich geschossen hatte, und sagte: 'Es war ein harter Kampf! Ich konnte einfach nicht richtig zielen. Dieser Drache blickte immer wieder aus den Wolken hervor und blendete mich mit seinen glänzenden silbernen Flügeln.' 'Du hast einen echten Drachen gesehen, Papa?' 'Nicht den ganzen Drachen, nein. Wisst ihr, den Drachen kann man nur sehen, wenn zwei liebende Seelen bei Neumond Hand in Hand auf die hohe Klippe steigen.' Ich dachte damals nicht daran, wie dunkel die Nacht oder wie steil der Pfad zur Klippe war ... besonders für kleine Füße ... oder wie glatt die Felsen nach dem Regen waren. Ich sah dich an und wünschte, es wären wir beide ... zwei liebende Seelen Hand in Hand, die sich zum Himmel schleichen, wie wir es getan haben, als wir kaum älter waren als Arry und Mika. Du erwachtest am nächsten Morgen als Erste und fandest die Betten unserer Kinder leer vor. Du sagtest nichts zu mir. Du sagtest auch nichts, als wir durch die nebligen Wälder gingen. Nichts, als wir Mikas Puppe am Beginn des Pfades zu den Klippen fanden. Du schwiegst, als ich mit Arrys Leiche in meinen Armen aus der Schlucht kam. Du sagtest nichts, als Aysel Mikas Leiche brachte, die er weiter vorne gefunden hatte, am Seeufer bei der Klippe. Du bist ein solcher Narr, Ivar. Du hast eine zu lockere Zunge. Es war nur eine Geschichte, eines deiner dummen Märchen, wie konnte es so enden?! Es tut mir so leid, Lissa. Du hättest den Schmied heiraten sollen. Oder den Sohn des Dorfvorstehers. Oder sogar den dummen Aysel. Egal wen, nur nicht mich. Es ist alles meine Schuld. Vergib mir. Bitte. Und lass mich gehen. Heute gehe ich zu den Gräbern der Kinder und ..."
- Kosten
- 10 gp
