Ein Brief von Settrex an seine Tochter
"Meine liebe Elga! Ich bin sicher, mein Gesicht ist dir mittlerweile fremd, aber ich hoffe, du kennst meinen Namen. Falls nicht, möchte ich mich kurz vorstellen – mein Name ist Settrex. Ich bin dein Vater. Ich bedaure zutiefst, dass ich nie die Möglichkeit hatte, dich aufwachsen zu sehen, dass ich dir in schweren Zeiten nicht beistehen und Freud und Leid nicht mit dir teilen konnte ... und dass du nie wusstest, wie sehr ich dich liebe. Ich weiß nicht, was dir Isabel, deine Mutter, über mich erzählt hat – ob du je erfahren hast, dass ich ein Satyr bin, ob du von dem außergewöhnlichen Ort gehört hast, an dem du geboren wurdest, oder von meinem Schicksal nach deinem Verschwinden. Mit diesem Brief will ich nun aber versuchen, dir alles zu erzählen. Du wurdest in einem Dorf geboren, in dem Menschen und Feenwesen seit Jahrhunderten Seite an Seite gelebt hatten. Wir waren mehr als nur gute Nachbarn ... uns verband eine enge Gemeinschaft. Ein Bund, der so stark war, dass Feenwesen und Menschen gemeinsam Familien gründeten. Deine Mutter und ich waren ein Liebespaar und du die Frucht unserer Liebe ... das Kind zweier Völker. Es gab niemanden im Dorf, der unsere kleine Elga nicht liebte. Du wusstest von Anfang an, wie man Herzen erobert. Und auch ich liebte dich ... mehr als alles andere auf der Welt. Jeden Tag sah ich dich an und bewunderte dein Antlitz. Ich war die glücklichste Kreatur der Schöpfung. Doch mein Glück war nur von kurzer Dauer. Isabel ging mit dir in ein fernes Land. Warum sie das tat, weiß ich nicht. Vielleicht habe ich sie irgendwie beleidigt. Vielleicht hat sie aber auch die nahende Katastrophe vorhergesehen. Einige Monate später attackierte nämlich eine schreckliche Kreatur das Dorf und machte es dem Erdboden gleich. Viele Feenwesen und Menschen starben, Hunderte von Häusern wurden verwüstet, und bald gab es in diesen Gefilden kein Leben mehr. Ich habe lange, lange Zeit nach euch gesucht, konnte euch aber nicht finden. Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als in unsere zerstörte Heimat zurückzukehren, um dort ein einsames Leben zu fristen. Ich bin traurig, dass Isabel mich nicht bei dir sein ließ, aber ich bin auch glücklich, dass sie dich weggebracht und so dein Leben gerettet hat. Heute bin ich einer der Wenigen, die noch in den Ruinen des Dorfes leben, in der verzweifelten Hoffnung, dass du eines Tages in deine Heimat zurückkehren wirst. Ich bin zu alt und einsam, um fortzugehen. Falls ich deine Rückkehr nicht mehr erlebe, wird dir dieser Brief von meinem Schicksal berichten. Vergib mir, mein kleines Mädchen. Ich liebe dich. Settrex, dein Vater."
- Kosten
- 10 gp
