Tagebuch des erschöpften Reisenden

Ein in Leder gebundenes abgenutztes Tagebuch. Der Name seines Besitzers ist in Lettern aus mattiertem Silber aufgeprägt: "Ball Zess". "Während unserer Jugend ist das Leben eine Abfolge neuer Eindrücke. Der erste Zauber, der erste Kuss, der erste Sieg, das erste Abenteuer, auf das man aufbricht, ohne um Erlaubnis zu fragen – und die erste triumphale Rückkehr! Dann wird man jedoch älter und gewöhnt sich an jedes dieser Gefühle. Was einst neu war, wird alltäglich, und man erreicht ein Plateau. Alles wird zunehmend langweilig, aber wenigstens kann man sein Leben selbstbewusst bestreiten ... Allerdings nicht lange. Ausgetretene Pfade beginnen sich zu winden und werden abschüssig. So beginnt das Alter – das ebenfalls von neuen Eindrücken geprägt ist. Das erste Reißen, das erste Stechen im Herz, das Nachlassen der Sehkraft, das immer dünnere Haar. Ja, unsere sterblichen Leiber sind allesamt Verräter, die nur darauf warten, uns in den Rücken zu fallen ... Aber wirklich beängstigend sind andere Dinge. Die erste Beerdigung eines geliebten Gefährten. Die erste Entscheidung gegen das eigene Gewissen. Der erste Freund, der nichts mehr mit einem zu tun haben will. Der erste Schüler, der einen verlässt, sein Talent in den Wind schlägt oder in seinen besten Jahren stirbt. – Oder alles Gelernte für dunkle Taten nutzt. Das erste Mal, dass man beim Anblick seines Seesacks den Wunsch verspürt, ihn ins Feuer zu werfen und hinterher zu springen. Ich dachte immer, die Bleiche könnte mir nichts anhaben. Langeweile? In dieser herrlichen Welt, in der es immer einen Ort für neue Abenteuer gibt? Unmöglich! Dachte ich jedenfalls. Aber sie ereilte mich in einer Weise, die ich am wenigsten erwartet hatte. Meine Bleiche begann, als meine Seele angesichts all der Narben abstumpfte, die sie davongetragen hatte. Der Körper kann mit magischen Mitteln verjüngt werden. Aber wo versteckt man sich, wenn man sich selbst verachtet? Es gibt nur noch die Möglichkeit, es den Feenwesen gleichzutun und sein Herz in einen Edelstein zu verwandelt, auf dem die Vergangenheit keine Spuren hinterlässt. Danach verändert man sich zwar nicht mehr und löscht all Erinnerungen aus, lebt aber in ewiger Glückseligkeit ... Das muss eine wunderbare Existenz sein, egal, wie monströs sie von außen betrachtet wirken mag. Aber das ist das Traurige daran: Selbst wenn mir einer der Ältesten anböte, in die Erste Welt zurückzukehren, um dort ein sorgloses und freies Leben zu führen ... Nähme ich sein Angebot an, würde mein jetziges "Ich" – dieser alte Vagabund, der sich selbst verachtet – aufhören zu existieren. Es wäre nur ein weiterer Tod ... wenngleich ein recht angenehmer. Ich kann dieses Spiel nicht gewinnen. Selbst wenn ich Pharasma ein Schnippchen schlage – die Vergessenheit lässt sich nicht überlisten. Und das ist auch gut so. Es bedeutet, dass ich früher oder später dem abstoßenden alten Mann entkommen werde, der ich geworden bin."

Kosten
1 gp
Tagebuch des erschöpften Reisenden - Kingmaker