Tagebuch des Fängers

"Wisst Ihr, was Ironie ist? Wenn Ihr ein durch das Blut seiner Feinde watender Schwarzmagier seid, den im Traum unvermutet ein Silberdrache bittet, eine edle Tat zu vollbringen und einige schwächliche Königreiche vor der Brut des Rovagug zu retten – das ist Ironie. Zuerst wusste ich nicht, was ich antworten sollte. Ich hatte in meinem Leben schon so manches veranstaltet – rituelle Massenmorde zum Beispiel. Aber edle Taten? Das war neu. Warum habe ich letztlich zugestimmt? Aus Neugier vielleicht. Und Eitelkeit. Der Drache hatte mir genügend Informationen gegeben, um beides zu befriedigen. Die Brut des Rovagug schlummerte in den Tiefen. Umgeben von einer Sphäre des Wahnsinns. Viele Helden waren schon gerufen worden, aber allesamt gescheitert. Das klang nach einer perfekten Herausforderung für mich. Abgesehen davon wollte ich längst eine Hypothese überprüfen – dass freundliche und edle Seelen leichter dem Wahnsinn verfallen. Ich habe mich oft gefragt, wie zerbrechlich und mühsam all diese hehren Ideale und strengen Moralvorstellungen sein müssen. Wie zermürbend und verlogen ist es, seine selbstsüchtigen Impulse zu unterdrücken – die Essenz dessen, was andere als "Gutheit" bezeichnen. Dann bricht alles unter der Last äußerer Einflüsse und innerer Widersprüche zusammen und der Verstand liegt in Trümmern. "Was habe ich zu befürchten", fragte ich mich. "Ich, der noch nie von Schuldgefühlen geplagt wurde und stets mit kaltblütigem Vorsatz handelte?" Also nahm ich das Angebot des Drachen an und schickte mich an, die Schattentiefen zu erobern. Ich verfolgte allerdings einen anderen Ansatz, als all die Helden vor mir. Es macht keinen Sinn, planlos voranzustürmen, in der Hoffnung, sein Ziel mit einem einzigen kühnen Angriff zu erreichen. Ich gehe langsam vor, studiere den magischen Hintergrund des Gewölbes, benutze die örtlichen Kreaturen für Experimente und Opferrituale. Ich gebe zu, dieser Ort ist deutlich gefährlicher, als ich erwartet hatte. Zweimal schon musste ich um mein Leben kämpfen, und war danach völlig erschöpft. Ich denke, ich brauche einen Helfer, jemanden, der die Monster abwehrt, während ich mich meinen Forschungen widme. Zweifellos reichen meine Fähigkeiten aus, einen mächtigen Diener zu rufen und an mich zu binden. Aber wird das reichen? Eine Frage geht mir nicht aus dem Kopf ... Was, wenn auch rationale, kaltblütige Schurken wie ich dem Wahnsinn verfallen können? Was, wenn uns der Wahnsinn dazu bringt, für edle Eskapaden ohne Not alles aufs Spiel zu setzen? Wie ich auf meinem Kreuzzug in diesem verfluchten Gewölbe."

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Tagebuch des Fängers - Kingmaker