Tagebuch des Waldläufers, die letzte Seite
""Großvater", flehte ich. "Lasst mich hier." Er sah mich an und schüttelte schweigend den Kopf. Es war gekommen, wie es kommen musste. Ich erkundete wie übliche die Gegend und zog mich lautlos zurück, als ich auf eine Handvoll Monster stieß – nur, um festzustellen, dass sich ein zweites Rudel in meinen Rücken geschlichen hatte, während ich das erste beobachtete. Und dann ging alles sehr schnell. Ich hastete in einen Seitengang, den ich bis dato nicht erkundet hatte. Sie folgten mir. Ich bog erneut ab – und lief ihnen genau in die Arme. Ich wirbelte herum und rannte um mein Leben, aber sie erwischten mich am Bein und ich konnte nur noch humpeln. Als ich das Lied hörte, war es längst zu spät. Ich konnte nirgends mehr hin. Da sah ich sie, und sie sah mich. Ich befand mich in einer für hiesige Verhältnisse gut beleuchteten Höhle. Sie stand in der Mitte und sang. Zu ihren Füßen lagen alle Arten von Monstern. Klauen, Reißzähne, Beißwerkzeuge, Stacheln – so viele, dass sie eine riesige Bestie zu bilden schienen, die allein aus Tötungswerkzeugen bestand. Und sie war ihr Herz. Die bösartige Sängerin. Hört man sich ihr Lied genauer an, ist sie gar nicht so bösartig. Aber dann wurde es still und sie kam direkt auf mich zu. Ich wich an die Wand zurück und dachte: "Das ist das Ende". Sie kam näher, neigte ihren Kopf und begann zu schnuppern. In ihren großen schwarzen Augen war kein Leben, nur etwas Gemeines und Wildes. Wie hätte sie in dieser Dunkelheit mit all den Bestien auch etwas anderes werden sollen? Sie sah mich an und ich erwiderte ihren Blick. Ich frage Sie: "Was glotzt du denn so? Hast du noch nie 'nen Rotschopf gesehen?" Ich rechnete mir aus, dass ich vielleicht einen schnellen Versuch haben würde, mehr aber auch nicht. Dann würden sie mich alle angreifen, in Stücke reißen und in meinem Blut und meinen Eingeweiden baden. Sie streckte ihre Hand aus und berührte mein Haar. Und dann wandte sie sich ab und ging einfach weg ... mit all den Monstern. Ich kroch in eine kleine Nische und verlor das Bewusstsein. Falls ich je wieder aufwachen sollte, dachte ich mir noch, dann wegen eines Monsters, das versucht, mich zu fressen. Aber nein. Als ich die Augen öffnete, sah ich ihn. Den Elf. Er hatte mich alleine gesucht, als sich die anderen weigerten, ihm zu folgen. Diese Mistkerle. Er hätte sie nicht im Voraus bezahlen sollen. Ich hatte viel Blut verloren und dachte, ich würde nie mehr auf die Beine kommen. Immer wieder bat ich den Elf, mich zurückzulassen, aber er gab nicht nach. Dann erinnerte ich ihn an die Gebeine seiner Frau, die er so verzweifelt bergen wollte. "Wenn Ihr versucht, mich zu retten", sagte ich, "werdet Ihr sterben. Und dann bekommt Ihr nie, wonach Ihr sucht." In diesem Moment begann er endlich zu sprechen. "Du bist ein törichter Jungspund, Rotschopf. Und auch ich bin ein Narr." Dann setzte er sich neben mich und sah mich mit denselben schwarzen Augen an. "Ich kam immer und immer wieder hierher und habe zwei Gruppen geopfert, nur um Rivels Knochen zu finden. Ich hatte das Gefühl, sie im Augenblick ihrer größten Not verlassen zu haben. Ich weiß, ihr Anhänger ist hier noch irgendwo ... Er ruft mich und hat mich hierher geführt. Aber weißt du was? Es war alles umsonst. All diese Leute sind sinnlos gestorben. Ich führte sie ins Verderben, nur um mein Gewissen zu beruhigen. Das habe ich erst erkannt, als ... du nicht zurückkamst. Mag sein, dass ich diese Schuld mit ins Grab nehme, aber ich beschloss, diesen Jungen lebend aus der Dunkelheit zu holen, anstatt irgendwelche alten Knochen zu suchen – obwohl es die Knochen meiner Liebsten sind." Während er all das sagte, hellte sich seine Miene ein wenig auf – zum ersten Mal, seit ich ihn kannte. Es war, als hätte er für sich selbst etwas entdeckt. Etwas Neues. Und ich? Ich konnte nur an Sie und ihre wilden schwarzen Augen denken und wusste ... Ich kann es ihm nicht sagen. Jetzt nicht mehr. Ich werde dieses Buch wegwerfen, wenn er nicht hersieht. Und ich werde kein Wort sagen. Über das Lied, das sie sang. Und die Wiege, die ich in dem Lager am See entdeckt hatte.
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