Todesnachricht des Fängers
"Nach zwei Jahren bin ich tiefer in die Schattentiefen vorgedrungen, als alle anderen vor mir, und habe mein Ziel fast erreicht – einen Gang zu dem Ort, an dem die Brut schlummert. Ich fürchte nur, ich habe mit verirrt. Nicht in dem Gewölbe, nein. In meiner eigenen Seele. Zwei Jahre habe ich nun schon an einem Ort verbracht, der von der Magie des Wahnsinns beseelt ist. Ich habe all die seltsamen und schrecklichen Geheimnisse dieses Ortes gelüftet und nun schreibe ich diese Zeilen, als wüsste ich nicht, dass sie niemand je lesen wird. Ich habe eine tödliche Bestie aus dem Abyss beschworen und an die Kette gelegt. Nun wartet sie mit der Ruhe eines Räubers auf eine Chance, meine Seele zu verschlingen. Wenn es meine Zeit erlaubte, habe ich sie gelehrt, in einigen der Sprachen, die mir bekannt sind, zu lesen und zu schreiben. Das schreckliche Antlitz dieses Monsters ist das Letzte, was ich sehe, ehe ich einschlafe, und das Erste nach dem Erwachen. Welche Pläne schmiedest du, Zirhaische? Als du zum ersten Mal in meinem Beschwörungskreis erschienst, nachdem ich dich aus der Ätherebene gerissen hatte, warst du außer dir vor Zorn gegen mich, der ich es gewagt hatte, dich zu unterwerfen. Damals warst du ganz anders. Ein wilder Räuber mit einem einzigen Ziel – Seelen zu jagen. Jetzt sehe ich in deinen Augen etwas anderes – etwas, das ich nicht einordnen kann. Vielleicht hält mich nur noch dieses letzte Rätsel am Leben. Als einer der mächtigsten Schwarzmagier meiner Zeit stehe ich nun hier und sterbe vor Angst. Bevor ich in die Schattentiefen hinabstieg, wusste ich genau, wer ich war und was ich wollte. Hunderte Male badete ich meine Hände in Blut, ohne auch nur einmal von Schuldgefühlen geplagt zu werden. Ich habe Dutzende von Säuglingen geopfert, ohne mit der Wimper zu zucken. Viele meiner unzähligen Opfer schienen mir recht unschuldig zu sein. Aber jetzt. Wer bin ich jetzt? Ein Gefangener des verrückten Plans, diese armseligen Flusskönigreichen zu retten. Sie werden auf einen Schlag vernichtet werden, falls die Brut jemals erwachen sollte. Zwei lange Jahre lang habe ich in dieser Dunkelheit die Epitaphe all der anderen Möchtegern-Eroberer der Schattentiefen gesucht. Ich habe sie allesamt genau studiert und lange nicht bemerkt, dass ich ... Mitleid für sie empfand ... Aber es wird noch absurder – gestern habe ich mein Leben riskiert, um meinen Daimon zu retten. Er ist ein Sklave, der allein dazu dient, mich zu beschützen! Zirhaische stand einer Horde von Bestien aus den Tiefen gegenüber und ich offenbarte mich, um ihn mit einem magischen Schild zu schützen! Es folgte unser bis dato heftigster Kampf in den Schattentiefen, und es grenzt an ein Wunder, dass wir beide überlebt haben. Es wird Zeit für meine Beichte. Ich erkenne, was für ein Monster ich war, und bereue. Ich werde mich der Brut nun erhobenen Hauptes stellen, um für meine Untaten Buße zu tun. Aber nein. Das wird nicht passieren. Ja, ich bin nur einen Schritt vom Ende des Albtraums aus den Schattentiefen entfernt. Aber ich weigere mich, aufzuwachen! Wenn ich nicht geheilt werden und wieder ich selbst sein kann, sterbe ich lieber, ehe ich ein anderer werde. Morgen werde ich meinen Daimon aus dem Unterwerfungszauber entlassen. Dann werden wir ja sehen, Zirhaische, wie sehr du nach der Seele deines Meisters gierst. Ich werde gewiss zugrunde gehen, aber das wird nur der Anfang meiner Geschichte sein. Ich werde mit einem Lächeln auf den Lippen sterben und die Brut des Rovagug zu einem blutigen Festmahl einladen.
- Kosten
- 1 gp
